25
Jan 12

Von wegen “intellektueller Zwergenaufstand”: Löhr/Elsner zu Bachmann

Ein Kommentar von Prof. D. Löhr und Prof. W. Elsner anlässlich der Replik von Prof. R. Bachmann auf die Kritik einiger Studierender aus dem Arbeitskreis: (PDF Siehe auch)

„Lernt unsere Sprache, bevor ihr mitredet“, fordert Rüdiger Bachmann in einem Beitrag vom 5.1.2012 in Spiegel-Online. Auch für die Sprachbegabten unter den Studierenden ist das gar nicht so einfach: Der Wissenschaftsturm wird in Babel errichtet, und an der Baustelle wird eine Vielzahl von Sprachen gesprochen. Da ist viel Platz für Missverständnisse und Unverständnis. Noch mehr: Gerade Teile der unteren Stockwerke sind vom Einsturz bedroht. Die Fundamente knirschen, das alte Paradigma wackelt. Niemals richtig ausgeräumt wurde der Konflikt zwischen neoklassischer und keynesianischer Sichtweise (auch nicht durch die „mikroökonomische Fundierung der Makroökonomik“). Kaum jemals wurde vom neoklassisch inspirierten Mainstream der Versuch unternommen, eine Brücke zu Ansätzen zu schlagen, die sich außerhalb des Paradigmenkerns befinden. Die meisten dieser Ansätze bekommen die heutigen VWL-Studierenden (v.a. in Bachelor-Studiengängen) niemals zu hören. Wenn man dann wie Bachmann vorgibt, es gäbe „keine methodischen Grabenkämpfe“ mehr, muss man sich schon tief mit einem unverdrossenen Haufen Gleichgesinnter in den Turm zurückgezogen haben. Tatsächlich ist die Spaltung innerhalb der Wirtschaftswissenschaften so tief, dass man sich über Grundlagen nicht einig ist. Der australische Ökonom Steven Keen („Debunking Economics“) stellte wunderbar dar, dass die von Bachmann als „gut“ dargestellte Einführung in das Gebäude der Mikroökonomik nur logisch haltbar ist, wenn sie mit einem Gerüst absurder Annahmen gestützt wird – z.B. der Annahme, dass alle Wirtschaftsteilnehmer eine Horde von Clons sind. Sicherlich mag dies für immer mehr Inhaber von VWL-Lehrstühlen zutreffen, aber noch lange nicht für die Bevölkerung als Ganzes, und offenbar auch nicht für alle Studierenden des Faches. Bachmann mag über die bisherigen pädagogischen Erfolge betrübt sein, denn offenbar ist die Gehirnwäsche und geistige Gleichschaltung vieler Studierender noch nicht vollständig gelungen. Stattdessen hinterfragen sie dreist den Wert ihrer Wissenschaft. Bachmann gibt durch mehrere öffentliche Stellungnahmen ein beredtes Zeugnis von einem Wissenschaftler-Typus ab, der nicht gerade durch (Selbst-) Zweifel geprägt ist und fordert dies offenbar auch von den Studierenden ein. Doch machen nicht gerade (Selbst-) Zweifel einen redlichen Wissenschaftler aus?

Bachmann erkennt nur deswegen keine methodischen Grabenkämpfe mehr, weil die Gruppe in seinem Turmverließ weitgehend monolithisch ist. Tatsächlich nimmt mit dem Siegeszug der neoklassisch-formalistisch inspirierten Ökonomie die Auseinandersetzung über die Grundlagen des Faches ab, ohne dass die Gegensätze jemals ausgeräumt worden wären. Statt dessen kapriziert man sich auf bestimmte Formalismen und eine bestimmte Mathematik. Es kommt vor, dass Studierende ihre VWL-Vorlesungen von Physikern und Mathematikern serviert bekommen, die wenig über das Fach selbst reflektiert haben. Ob die Studierenden mit einer solchen Ausbildung am Ende den Wirtschaftsteil einer Zeitung verständig lesen können, mag bezweifelt werden. Um nicht missverstanden zu werden: Mathematik und Statistik sind bitter notwendig, Aber sie sind Hilfsmittel, und kein Selbstzweck. Wenn aber der – zugegebenermaßen beeindruckende – mathematische Berg immer und immer wieder kleine, belanglose Mäuse gebiert, ist es erlaubt, ein Fragezeichen zu setzen. Das Mittel pervertiert dann zum Selbstzweck, der Schwanz wedelt mit dem Hund. Hingegen spielt das wichtige systemische Denken kaum eine Rolle, statt dessen wird das systemische Ganze in der neoklassisch geprägten Aggregationslogik zur Summe der Teile degeneriert. So konnten auch die Akrobaten von Moody’s & Co. in der letzten Finanzkrise systemische Risiken nicht erkennen; offensichtlich hatte es ihnen niemand beigebracht. Stattdessen vergaben die in den ökonomischen Kaderschmieden geschulten intellektuellen Low-Performer bis kurz vor dem Krach Bestnoten für die finanziellen Low-Performer.

Apropos Systeme: In lebenden System spielt im Übrigen nicht nur Effizienz eine Rolle, sondern auch andere Leitwerte (wie Adaptivität, Versorgung, Solidarität, wie der Systemtheoretiker Bossel 1998 schon richtig beschrieb). Mit solchen Ansichten erntet man jedoch bei Bachmann & Co. allenfalls ein müdes Lächeln. Nicht ernst genommen wurden (mangels „ausreichender Vermathematisierung“) und des Abweichens vom Leitbild des „homo oeconomicus“ lange Zeit auch die Commons-Forschung, bis durch die – weitsichtige – Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises an Ostrom (zusammen mit Williamson als einem Exponenten des Neoinstitutionalismus) einmal eine ganz andere Ausrichtung auf den Schild gehoben wurden. Das Fach macht in der Tat nur an den Stellen signifikante Fortschritte, wo das Paradigma geöffnet wird, z.B. in der Spieltheorie, der evolutorischen Ökonomik oder aber dem Institutionalismus. Ansonsten kann das Paradigma wenig zur Lösung der brennenden Probleme beitragen. Es verhält sich eher umgekehrt: Die herrschenden Lehrmeinungen trugen ihren Teil zur Verursachung der Finanzkrise ab 2007 bei. Konsequenterweise weigerte sich der Mainstream zunächst, diese überhaupt zu erkennen, dann wurde sie geleugnet. Irgendwann war auch das nicht mehr durchzuhalten; seitdem läuft der Mainstream mehr oder weniger hilflos der Dynamik der Fakten hinterher.

Viele Studierende empfinden vor diesem Hintergrund die Lehrinhalte skurril. Sie fühlen sich in VWL-Vorlesungen wie in die Zeiten der Scholastiker zurückversetzt, als über zentrale Fragen dergestalt diskutiert wurde, wieviel Engel beispielsweise auf eine Stecknadel passen. So fordern die von Bachmann gescholtenen „Postautisten“ (die sich gegen die autistischen Züge der zeitgenössischen Ökonomik wenden),
eben die notwendige Öffnung des Paradigmas ein. Studierende (und das sind eben zumeist nicht die „Low-Performer“) fordern nun ihre Lehrenden dazu auf, über die Grundlagen ihres Faches kritisch zu reflektieren. Natürlich, es ist unangenehm, wenn die Lehrlinge auf der Baustelle an die brüchigen intellektuellen Fundamente pinkeln und diese dabei noch weiter unterspülen.
Man kann diese Studierenden spüren lassen, das man so etwas für einen intellektuellen „Zwergenaufstand“ hält („lernt unsere Sprache, bevor ihr mitredet“), oder man kann sie ernst nehmen mit ihnen den Diskurs aufnehmen. Letzteres wird für alle Seiten sehr nützlich sein – die Studierenden sollten ernst genommen werden.

Prof. Dr. Dirk Löhr
Prof. Dr. Wolfram Elsner


19
Jan 12

Linksammlung: Debatte VWL und die Krise

Es scheint sich ein über viele Medien verteilter Streit um die zukünftige Richtung der VWL anzubahnen. Deshalb im Folgenden eine chronologische Auflistung der Beiträge.

08.05.2010:
28.12.2011:
30.12.2011:
04.01.2012:
05.01.2012:
06.01. 2012 :
09.01. 2012 :
10.01. 2012:
13.01. 2012 :
15.01. 2012 :
16.01. 2012 :
18.01. 2012 :
19.01. 2012:
Zusammenfassung der bisherigen Debatte auf der Ökonomenstimme.
22.01.2012:
23.01.2012:
Konferenz (23./24., Frankfurt am Main): Ökonomie neu denken.
24.01.2012:
26.01.2012:
Ruprecht (Heidelberger Studierendenzeitung) über den AK http://www.ruprecht.de/fileadmin/Ausgaben/PDF/ru136.pdf
Fernsehbeitrag über die Krise der VWL mit Thomas Dürmeier: http://www.do1.tv/2012/01/26/wissensdurst-wirtschaftswissenschaften-in-der-krise/
27.01.2012:
Einen schönen Kommentar (AK Paecon / real world economics) zur Thematik gibt es auch von Prof. Dirk Löhr und Prof. Wolfram Elsner. (Siehe: Haupt-Website)
(Stand: 27.01., bei Ergänzungswünschen einfach einen Kommentar schreiben)

28
Dez 11

Der AK in den Medien, heute: Unispiegel

Liebe Freunde des AK,

das Interesse der Medien an unserer Sache und der Problematiken innerhalb der VWL hält an. Das zeigt sich beispielsweise auch am jetzt online erschienen Artikel im unispiegel. Viel Vergnügen beim Lesen.
Ebenso gab es einen Beitrag mit Christoph Gran zu unserer Mitgliederversammlung in einem freien Radio.

Einen guten Jahreswechsel und auf einen guten Start ins neue Jahr!


30
Nov 11

“Wirtschaften vorbei an Bedürfnissen?” – Vortragsreihe 2011/12

Liebe Freunde des AK Paecon,

in diesem Jahr gibt es wieder eine Vortragsreihe. Wir haben für euch wieder ein ansprechendes Programm zusammenstellen können. Die genauen Informationen finden sich in folgender PDF-Datei, die auch weiter unten eingebettet ist: Plakat Paecon 2011. Alternativ ist das Programm auch als Bild weiter unten zu finden.

Einladungen und aktuelle Informationen finden sich immer auf unserer Facebook-Seite. Schaut also mal vorbei und habt uns gern.

Wenn ihr interessiert seid, kommt zu einem Treffen. Jeden Donnerstag während des Semesters, 19.45 Uhr (Beginn 20.00 Uhr) im Raum 01.030 im Campus Bergheim.

Wir freuen uns auf euch!